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Rezension

Für chronische Paare und solche, die es bleiben wollen...

Werner Bartels rät in seinem Debütroman zum "Betrügen lernen"

von Bernd Heinrich

"Nähe, Annäherung und Distanz in Primatenverbänden" - also über das Paarungsverhalten von Affen - heißt der Vortrag, den Verhaltensforscher Alex in einem Kurhotel halten wird. Seiner Frau Clara als Urologin sind nackte Männer, zumindest partiell, nicht fremd. Sie haben zwei reizende Kinder, die fünfjährigen Zwillinge Rebecca und Miriam. Der zehnte Hochzeitstag steht bevor. Auch nach langen Ehejahren scheint das Feuer der Liebe noch nicht erloschen. Ein erfolgreiches, glückliches und zufriedenes Ehepaar also, das sich in relativem Wohlstand eingerichtet hat? - Mitnichten. Alex gehört nämlich zu jener männlichen Spezies, die von der Midlife-Crisis, will sagen: von Versagensängsten und Selbstzweifeln gepackt sind. Seine Vorträge über Affenliebe - schön und gut. Ihre beruflich bedingte Fleischbeschau - okay. Aber wenn die Intimitäten immer seltener werden, meint Alex, bekommt er Entzugserscheinungen. Er will ja gar nicht täglich. Aber ein- bis zweimal die Woche, das würde ihm schon reichen. Clara hingegen schätzt den ehelichen Sex als ausreichend ein. Ihr steht der Sinn nach Gesprächen, gemeinsamen Interessen und Zukunftsplänen. Einfach mal streicheln, Nähe spüren und Vertrautheit, das würde ihr schon reichen.

Über diese allgemein gängigen männlichen und weiblichen Verhaltensmuster-Klischees hat der studierte Mediziner, Historiker und Germanist Werner Bartels (46), Autor zahlreicher in zwölf Sprachen übersetzter Sachbuch-Bestseller, eine höchst amüsante, köstlich-witzige, mit ironischer Leichtigkeit geschriebene Geschichte rund um die Liebe zwischen allmählich abkühlendem Begehren und dem mitunter hilflos-komischen Bemühen um ein Wiederentfachen der glimmenden Glut geschrieben. "Betrügen lernen" heißt der beziehungsreiche Titel seines Debütromans. Werner Bartels, unter anderem 2009 als "Wissenschaftsjournalist des Jahres" gekürt, ist Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der "Süddeutschen Zeitung".

Während Alex nun allen erdenklichen geistigen Verrenkungen in seiner erotischen Ohnmacht freien Lauf lässt, sich über das Kuschelhormon Oxytocin wissend macht, sich Clara sogar eine ganze Woche nicht annähert, dann jedoch wieder vorsichtig-zärtliche Streichelannäherungsversuche über die Besucherritze hinweg an Claras Oberschenkel vornimmt, wirft sie ihm primitivste Männerfantasien vor, verbittet sich energisch sein Gegrabsche und erhöht postwendend die Bettlakendistanz. Gewiss suchen beide Partner nach einem Ausweg aus der Ehekrise. Während Alex das Fremdgehen als Potenz-Prüfstein in Betracht zieht liebäugelt Clara mit dem Kursbesuch eines "Flirt- und Beziehungstrainers". Die Folgen beider Ehe-Rettungsversuche und anderer erotischer Verwicklungen hier anschaulich zu schildern, käme einem Geheimnisverrat gleich. Vielmehr sei empfohlen, chronischen Paaren und solchen, die es bleiben wollen, die insgesamt 45 Kapitel aufs Ehebett-Kopfkissen zu legen. Allerdings muss man bei der nächtlichen Lektüre solcher Neugier entzündenden Kapiteltitel wie "Heisse Liebe", "Orale Anmache", "Reibungsverluste" oder "Verbotene Früchte" wissen, wie man das Streichholz zu halten hat und vor allem, woran es zu entzünden ist...

Ein Letztes: Weshalb Alex' Bemühen um fremde Frauen nicht gerade von Erfolg gekrönt ist, scheint an seiner Vorliebe für kuschelige Frottee-Schlafanzüge zu liegen. Oder erwarten Sie, liebe Leserin, unter dem Textil ernsthaft erogene Zonen?!

Rezension von Bernd Heinrich

Werner Bartels, Betrügen lernen, Roman,
224 Seiten, 17,95 Euro,
Blessing Verlag, München 2012,
ISBN 978-3-8966-465-4


 

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