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Rezension

"Habe unbändig viel zu tun..." - Johann Christian Reil aus zweihundertjähriger Starre erlöst

Von Bernd Heinrich

"Es ist kein leichtes Los, als bedeutender Mann zwischen Affen und Zebras begraben zu sein".

Mit diesem Satz endet die bemerkenswerte Biografie einer außergewöhnlichen Persönlichkeit, deren Leben und Wirken eng mit Halle verbunden ist. Gründlich recherchiert und ebenso spannend wie kurzweilig aufgeschrieben haben sie die beiden Literaturwissenschaftlerinnen Heidi Ritter und Eva Scherf. Der renommierte hallesche Hasenverlag gab dem Band 22 seiner vielbeachteten Reihe "Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte" den Titel "Habe unbändig viel zu tun...".

Die Rede ist von Johann Christian Reil. Er promovierte über Gallenerkrankungen, gründete mit dem "Archiv für Physiologie" 1795 die erste physiologische Zeitschrift der Welt, behandelte Goethe, den 1805 bei einem Aufenthalt in der Saalestadt Nierenkoliken plagten, gründete mehrere psychologische Magazine, gilt als eigentlicher Begründer der "Psychaterie", der heutigen Psychiatrie und reformierte den medizinischen Unterricht. Seine hirnanatomischen Arbeiten waren richtungweisend für die weitere Entwicklung der Medizin...

Wäre es allerdings nach dem Wunsch und Willen seines Vaters, Pfarrer in Ostfriesland, gegangen, hätte der am 28. Februar 1759 in Rhauderfehn-Rhaude geborene Reil Theologie studiert. Doch bereits mit seiner brillianten Schulabschlussrede "Das Lob der Medizin" legte der große, blonde Norddeutsche den Grundstein für seinen weiteren Lebensweg. Das Medizinstudium begann er 1779 in Göttingen. Ab 1780 studierte er in Halle unter den Professoren Meckel und Goldhagen. Letzterer förderte Johann Christian Reil als Vorzugsstudent, bescheinigte ihm außerordentliche Zielstrebigkeit und Wissbegierde und ebnete ihm den Weg in die Freimaurerloge "Zu den drei Degen".

Das besondere medizinische Interesse Reils galt zeitlebens den Menschen am Rande der Gesellschaft, vor deren "Unmoral" man lieber die Augen verschließt, sie am liebsten wegsperren möchte, die jedoch ein Recht hätten, "nach Bedürfniß an öffentlichen woltätigen Anstalten teil(zu)nehmen...". In den 13 Jahren, die er als Stadtphysikus in Halle praktizierte, war Reil beinahe täglich mit Armut, Krankheit und Elend konfrontiert. Im Kinikum der Franckeschen Stiftungen hält er regelmäßig unentgeltliche Sprechstunden ab. Er setzt sich für eine angemessene Entlohnung des Pflegepersonals im Lazarett ein, kritisiert dessen mangelhafte materielle wie technische Ausstattung und wird Mitglied der "Gesellschaft freywilliger Armenfreunde".

Doch nicht nur auf medizinischem Gebiet hat Johann Christian Reil "...unbändig viel zu tun...". 1793 wird er Mitglied der Leopoldina, will Halle zur Kurstadt machen. Er befördert das Kurbadewesen mit "Douche, Qualmbad und Sprützbädern" und den Theaterbetrieb. 1811 wird unter maßgeblicher Beteiligung des "Unternehmers" Reil die "erste stehende Bühne" in Halle offiziell eröffnet. Da ist er längst Ehrenmitglied der Medizinischen Gesellschaften in Venedig und des Kantons Bern.

Als Reil, zuletzt Professor für Anatomie und Therapie an der Medizinischen Klinik Berlin und als Ratgeber Wilhelm von Humboldts indirekt auch an der Gründung der Berliner Universität beteiligt, sich 1813 auf dem Schlachtfeld bei Leipzig am Flecktyphus infiziert und am 22. November 1813 in Halle stirbt, gilt er als einer der berühmtestes Ärzte Deutschlands. Nur drei Jahre später wird er allerdings wegen "unseliger Geistesverwirrung" aus der Erfolgsgeschichte der Medizin ausgestoßen und gerät in allgemeine Vergessenheit...

Von Reil gibt es keine persönlichen Hinterlassenschaften, kein Tagebuch, lediglich eine Handvoll private Briefe. Trotzdem haben Heidi Ritter und Eva Scherf dem Mediziner, Universitätsprofessor, engagierten Bürger und Privatmann Johann Christian Reil nach zwei Jahrhunderten "einige Injektionen Wirklichkeit verpasst" und darüber hinaus ein - auch im Wortsinn reich bebildertes - faszinierendes Sittengemälde des Lebens in der preußischen Provinz um 1800 gezeichnet.

Das eingangs erwähnte Grab befindet sich übrigens auf dem 130 Meter hohen Reilsberg. Dort stiftete Peter Krukenberg seinem Schwiegervater Johann Christian Reil 1830 ein Grabmal. Jener Berg beherbergt seit 110 Jahren Halles Bergzoo...

Rezension von Bernd Heinrich

Heidi Ritter / Eva Scherf, "Habe unbändig viel zu tun... Johann Christian Reil,
Hasenverlag Halle/Saale, 2011, Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte", Nr. 22,
120 Seiten, 12,80 Euro,
ISBN 978-3-939468-59-2

 

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