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Rezension

Nachrichten aus der Todeszone

Hans Platzgumers dokumentarischer Roman "Der Elefantenfuß" über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Am 26. April 1986 explodiert Reaktorblock vier des Kernkraftwerkes Tschernobyl. 4.000 Quadratkilometer bis dahin fruchtbares, bewohntes Land werden zur Todeszone. Das Wasser ist kontaminiert, die Erde verseucht, hunderttausende Bewohner gefährdet, verstrahlt, vergiftet. Ihre umgehend organisierte Evakuierung gleicht einer kopflosen Flucht. Neun Tage lang werden Sand und Lehm aus Hubschraubern über dem geborstenen Reaktorblock abgeworfen, bis der Brand einigermaßen gelöscht ist. Vielen Piloten bringt die radioaktive Strahlung innerhalb kurzer Zeit den Tod. Eine halbe Million Soldaten, als "Liquidatoren" abkommandiert, sind im Einsatz. Die große Mehrheit ist inzwischen verstorben. Eiligst hatten sie die Ruine mit einem meterdicken Betonmantel überzogen, ihr einen Sarkophag übergestülpt. Die im Innern ineinander verschmolzenen 190 Tonnen angereichertes Uran, Plutonium, Graphit, Sand und Brennstab-Reste erstarren durch die immense Hitze zu einem Gebilde, das an einen "Elefantenfuß" erinnert.

Gerade mal ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Tschernobyl die Welt in Atem hielt. Nur wenige Jahre brauchten wir zum verdrängen, abschwächen, beruhigen, vergessen. Tschernobyl war in beängstigend kurzer Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen.

Ein Dokumentarfilm, den einige seiner Freunde vor etwa fünf Jahren in der Todeszone von Tschernobyl drehten, sensibilisierte den Tiroler Musiker und Komponisten Hans Platzgumer für das inzwischen erneut hochaktuelle Thema. Jahrelang hatte der gebürtige Innsbrucker mit großer Sorgfalt und Intensität recherchiert, Berichte von Augenzeugen und zahlreiche Fakten über Tschernobyl und die Todeszone zusammengetragen. Entstanden ist ein dokumentarischer Roman, der den Leser schaudern lässt. Die Detailtreue steht neben der wiederholt brutal-sadistischen Milieustudie.

Da joggt Strahlenopfer Alexander durch den Wald, der sich mit einem Akkubohrer die Schädeldecke aufbohrt, sich "öffnet", um die Strahlen ungehindert aus dem Körper entweichen zu lassen. Oder der gottesfürchtige Terrorist Philippe, der seine Begleiterin Soraya grundlos schlägt und von der fixen Idee beseelt ist, die Menschheit durch die Sprengung des Reaktors vermittels im Rucksack mitgeführter 27 Kilo Sprengstoff zu "bestrafen". Er wird von einem desertierten ukrainischen Soldaten nach einem exzessiven Saufgelage "aus Spaß" erschossen. Oder Biologie-Student Henry aus Salzburg, der verwilderte Wolfshunde zu treffen hofft und den "interessiert, was sich entwickelt, wenn die weg sind, die Menschen". Oder Igor, der in diesem totenstillen Land eine höchst selten frequentierte Tankstelle nebst Lebensmittelgeschäft betreibt. Seine ebenso zynische wie resignative Feststellung - "Nirgends ist es so wunderschön tot wie hier" - charakterisiert punktgenau die Situation in einem Territorium, das einerseits die Augen und Sinne öffnet für menschliche Ohnmacht, für zerbrechliches und gefährdetes, aber andererseits auch für nunmehr beziehungsunfähiges, abgestumpftes, zielloses Dasein. Das alles wird von Platzgumer in ungewollter, nicht vorhersehbarer, dafür um so erschreckenderer, apokalyptischer Aktualität eindringlich beschrieben.

Fürwahr, keine leichte Lesekost. Anhand eines weiterhin verstrahlten Gebietes, einer menschenleeren Geisterstadt Pripjat, 485 verschwundener Dörfer und Siedlungen, einer 30-Kilometer-Sperrzone, in denen wundersame Gestalten agieren - gleichsam greifbare, lebende Spiegelbilder einer fröstelnd machenden Totenstille.

Man mag viel und ergiebig über Zufälle philosophieren. Ist es Zufall, dass "Der Elefantenfuß" genau an dem Tag erscheint, als Japan vom bis dahin schlimmsten Erdbeben seiner Geschichte erschüttert wird? Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hält die Welt unvermindert in Atem. Die Angst vor einem weiteren Super-GAU ist geradezu greifbar.

Platzgumers Verdienst ist es zweifellos, mit seinem Buch dafür zu sorgen, dass die Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl im übertragenen Sinne nicht in den ukrainischen Pripjet-Sümpfen zu versinken droht. Nach den eher zufälligen Begegnungen seiner Protagonisten geht - so der dem Band beigegebene "Waschzettel" - keiner aus der Zone, wie er gekommen ist. Analog geht auch der Leser nicht aus dem Buch, wie er gekommen ist. Allerdings, und das ist sehr wohl gewöhnungsbedürftig, hat Platzgumer sich einer eigenwilligen typografischen Buchgestaltung bedient, indem er zum größten Teil zwei Erzählstränge parallel über die Buchseiten verlaufen lässt, getrennt jeweils durch eine waagerechte Linie in der Seitenmitte zwischen den Texten. "Der Elefantenfuß" dürfte sich damit einer besonderen Aufmerksamkeit gewiss sein. Das Buch ist eben insgesamt ein nicht "normaler" Roman.

Ob allerdings - angesichts der aktuellen, in zunehmendem Maße beängstigenden japanischen Ereignisse - dazugelernt wird? Die Parallelität der Handhabungen nämlich ist - bis hin zum hilflosen Verschweigen und Vertuschen sowie der Verteilung von Jodtabletten - 25 Jahre später verblüffend. Sei's drum: die Hoffnung stirbt zuletzt.

Rezension von Bernd Heinrich

Hans Platzgumer: Der Elefantenfuß. Roman. Limbus Verlag, Hohenems 2011. 239 Seiten, 19,80 Euro. ISBN: 9783902534439

 

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